Der einsame Luftballon (Radvocado, 2014)
Er war schön anzusehen, der große, pralle, leuchtend blaue Luftballon.
Gekauft für ein schönes Fest hing er an einem Faden und dieser war fest verknotet an einem Zweig.
Das Fest war schön und der Ballon dachte zurfrieden: „Ich war ein Teil davon.“
Der große Sommer ging und der Wind, der mit ihm eben noch spielte, riss nun an ihm.
„Ein Glück!“, dachte er, „der Faden am Zweig und der Zweig am Baum, was kann mir der Wind.“
Der Regen kam und trommelte gegen seine Gummihaut.
„Ein Glück!“, dachte er, „der Faden am Zweig und die Blätter über mir, was kann mir der Regen.“
Die Blätter wurden bunt und bald flogen einige mit dem Wind fort.
„Ein Glück!“, dachte er, „Jetzt kann ich den Himmel besser sehen und da ist der Faden und der Zweig und der Baum …“
Er sah den Himmel und die Vögel, die zu einem unbekannten Ziel irgendwohin flogen.
Er sah ihnen versonnen hinterher und dachte: „Mit ihnen fliegen, wäre das nicht schön? Mit dem Wind tanzen, ihm widerstehen, ihn zähmen und die Dinge von oben sehen. Mein Blau ist doch so schön wie der Himmel!“ Und er träumte von einer großen Reise.
Eines Tages sah er am Himmel einen leuchtend roten Luftballon fliegen. An ihm hing ein Faden und daran wohl ein Brieflein. Der rote Ballon schien ein Ziel zu haben, wie die Vögel und der blaue Luftballon dachte: „Da ist der Faden und der Zweig und der Baum. Meine Haut wird schrunzelig und ich bin gar nicht mehr so prall und – oh Gott! – mein Blau, was ist mit meinem Blau!“
Plötzlich schrie in ihm ein verzweifelter Gedanke: “Wenn ich jetzt nicht fliege, fliege ich nie mehr. Die Welt ist doch bestimmt ganz groß und ein Baum kann doch nicht fliegen!”
Eine Belanglosigkeit löste den Faden vom Zweig. Träge hob sich der schlaffe Ballon und er hätte – so wie er jetzt war – die Spitze des Baumes nicht überfliegen können, wenn ihm nicht der Wind zu Hilfe gekommen wäre und ihn mit einer Böe in die Luft gehoben hätte. Der Wind ließ ihn drehen und sehen und tanzen …
Der Ballon konnte es kaum fassen: „Ich bin auf der Reise!“
Die Luft um ihn wurde dünner und die Luft in ihm dehnte sich, glättete seine Haut und ließ sein Blau strahlen. So flog er höher und höher und sah die große Welt von oben. „Ich bin ein Balloooon!“, schrie er. „Ich kann … ich muss fliegen!“
Als seine Begeisterung sich langsam legte, dachte er: „Ich fliege so schnell wie der Wind, aber ich spüre den Wind gar nicht. Und die Luft ist kalt geworden. Ich sehe gar keine Vögel und auch nicht das Ziel, dem sie folgten. Und flogen sie nicht in eine andere Richtung?“
Er fühlte sich einsam und zweifelte: „Was nützt mir die große Welt von hier oben. Ich kann nichts tun, als mit dem kalten Wind zu fliegen und meine Haut ist zum Platzen gespannt und der Wind macht mit mir, was er will!“ Langsam und mit boshafter Unausweichlichkeit dehnte sich der Zweifel in ihm aus, war schon Gewissheit und plötzlich wusste er, dass ein Ende kommen wird, irgend ein Ende. “Ich hab doch nur davon geträumt! Ich hab den Faden gar nicht angefasst …”
Ernüchterung überkam ihn. Er wurde ruhiger und ruhiger und dachte: „Wird es noch einen Anfang geben? Einen Sommer? Ein Fest? Einen Ast? Einen Baum und werde ich irgendwo dazu gehören?“