Sie gefiel mir. Schon immer mochte ich die braven, klugen Mädchen und sie war klug und hübsch. Ich war grad 18, arbeitete als Koch und sie studierte irgendwas. Schon seit gefühlten Stunden unterhielten wir uns auf einer typischen Party meiner Jugend: Bier, Schnaps, furchtbar schmeckender, selbstgemachter Obstwein, Alte Juwel, Musik aus einem Sternrecorder. Irgendwann ging sie auf die Toilette und kam wieder zu mir zurück – immerhin. Hatte mein literarisches Halb- oder besser Viertelwissen tatsächlich gereicht haben? Wir unterhielten uns über Bücher und sie fragte, ob ich dieses oder jenes Buch auch gut fände. Offensichtlich hatte ich den Eindruck von Belesenheit erwecken können und – na klar: ich fand die Bücher alle auch toll, obwohl ich keines davon gelesen hatte. Manche Titel kannte ich tatsächlich und das, was ich eben so aufgeschnappt hatte. Das reichte gewöhnlich für semiintellektuelle Gespräche dieser Art aus. Aber diesmal ging es um mehr als nur einen flüchtigen positiven Eindruck zu hinterlassen. Sie sollte hier bleiben, hier bei mir und mit mir reden. Vielleicht könnte ich noch ein bisschen an sie heranrücken, ganz zufällig ihre Hand berühren und schauen, ob sie das zulässt und naja irgendwie.
Sie spielte mit ihren schwarzen lockigen Haaren und las, wie ich nebenbei mitbekam, gerade das Glasperlenspiel. Ihre Worte füllten eine Wolke in meinem Kopf, während ich in ihren schönen dunklen Augen versank. Ein halber Schritt nur; nur ein Vorbeugen. Ich hätte sie einfach küssen sollen. Wie mich diese Gedanke noch heute quält. Was hätte schon passieren können.
Während ich ihr Gesicht vergessen habe, wabern aus jener Gedankenwolke Hermann Hesse und ein letztlich gesichtsloses, gleichwohl schönes Mädchen in den Vordergrund und spielen mit dem Wort „Feuilleton“ – eine unlösliche gedankliche Verbindung. Später kaufte ich mir wirklich eine Paperbackausgabe in der festen Absicht, endlich das Glasperlenspiel zu lesen. Vielleicht wollte ich vorbereitet sein, wenn ich sie einmal wiedersehen würde. So motiviert begann ich mit dem Vorwort und dabei blieb es. Sollte ich heute etwas belesener sein, als damals, so verdanke ich dies zum größten Teil Hörbüchern. Auch das Glasperlenspiel hörte ich mir erstmals vor ein paar Jahren an. Aber das selbsterlesene Hermann-Hesse-Glasperlenspiel-Vorwort fristete in jener Wolke bis jetzt sein Dasein und wartete geduldig auf seine Zeit. Damals konnte ich mit dem Begriff „Feuilleton“ so wenig anfangen, wie sich mir verschloss, warum sich Hesse über das „feuilletonistische Zeitalter“ so ereiferte. Ich wusste auch nicht, wer Zieghalß war. Letztlich spielte das auch für meine Lebenswirklichkeit der 1980er Jahre in einer ostsächsischen Kleinstadt so überhaupt keine Rolle, dass ich mich durch die paar Anfangsseiten quälte und das Buch weglegte. Wenn ich heute ein Feuilleton lese denke ich: Ich hätte sie einfach küssen sollen – ich bin ein Feigling und ich habe sie nie wieder gesehen.